Die Wilden Lande

Das untote Heer

Titel-Cover Das untote Heer

Unweit einer Hauptstraße der wilden Lande glimmte ein Lagerfeuer am Waldesrand. Die untergehende Sonne tauchte die herbstliche Landschaft in goldenes Licht und versprach eine kühle Nacht zu hinterlassen.

Mit dem Rücken an eine alte Eiche gelehnt saß Hagal im Schneidersitz und drehte geruhsam einen saftigen Fleischspieß über der Glut. Sein Nachtlager bestand aus einigen an einem tiefhängenden Ast aufgeschichteten Tannenzweigen. Das Biberfleisch war zäh, aber wunderbar knusprig. Dazu trank er einen starken Sud aus Tannennadeln. Ein kräftiges Schwarzbier wäre ihm lieber gewesen, doch wusste er um die stärkenden Kräfte des Gebräus, das ihn gegen Krankheiten in kühlen Nächten schützen würde - der Sud war seit Generationen in seinem Stamm bewährt. Der Wind frischte auf und der Bärtige erfreute sich am Tanz der Funken. Nach einem langen Tagesmarsch war ihm eine geruhsame Nacht nur recht. Hagals Augenlider wurden allmählich schwerer und er ließ seinen Blick über die hügelige Landschaft wandern. Er war niemand, der nennenswert in seine Gedanken versank, aber an Abenden wie diesen dachte er an all die vergangenen Abenteuer in gefährlichen Gegenden und den Betten zahlreicher Weiber auf seinen Reisen. Die Sonne versank malerisch hinter den Hügeln und der Barbar schlummerte mit einer Hand am Bratenrest und der anderen im Schritt zufrieden ein.


Es war bereits tiefste Vollmondnacht, als Hagal aus süßen Träumen aufschrak. Er hatte etwas gehört. Ein seltsames Geräusch das nicht von einem Tier kommen konnte. Mit ruhiger Bewegung griff der Barbar nach seiner Axt und richtete sich vorsichtig auf. Verstohlen, dicht an die alte Eiche gepresst, blickte er angestrengt in die Richtung, aus der das Geräusch her rührte. Stille. Nur der Herbstwind wehte durch das nebelverhangene Dickicht und ließ hin und wieder trockenes Laub rascheln.

Doch dann war da wieder dieses Geräusch. Es klang, als scharrte etwas mit schleppenden Bewegungen über den Waldboden. Dazu vernahm er ein Ächzen, das bedrohlich näher kam. Am dunkel verhangenen Nachthimmel gab ein Wolkenriss dem Vollmond frei und entsandt dessen schwaches Licht zwischen die knorrigen Bäume. Ein Umriss schälte sich geisterhaft aus den Nebelwänden hervor. Hagal erkannte eine dürre und krumme Gestalt in zerlumpter Kleidung - sie wirkte schwächlich und von ihr schien keine Gefahr auszugehen.

Wie sehr er doch irrte. Als der Umriss näher kam, erspähte Hagal mit Schrecken den Grund des sonderbar scharrenden Geräuschs. Anstelle eines Fußes ragte ein modriger Knochenstumpf aus der verwesten Wade der Gestalt und zog einem grotesken Ackerpflug gleich eine Furche durch den Waldboden. Wie angewurzelt stand Hagal da und umfasste den Stiel der Axt so fest, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten. Was zunächst wie Kleidung aussah, waren tatsächlich Hautfetzen, die von einem fauligen Leib herunter hingen. Es gab keinen Zweifel mehr: Das Wesen war ein Draugr.

Man sagt, die Toten hassen die Lebenden und stirbt ein Mann durch besondere Heimtücke oder einen tragischen Umstand, so befällt seinen Geist noch nach dem Tode Rachsucht und Niedertracht. Blind vor Wut kommt er vom Pfad ins Jenseits ab und so wandelt er weiter auf Erden, bis das Fleisch gänzlich zu Staub zerfällt, beseelt vom unbändigen Trieb den Lebenden Verderben zu bringen.

Auch Hagal wuchs mit den Geschichten über die lebenden Toten auf, die seine Großmutter einst nur zu gern in trostlosen Winternächten erzählte. Er betrachtete alles Geisterhafte mit größtem Argwohn und hoffte, durch uralte Zeichen, die er auf seinen Körper malte, Schutz auf seinen Reisen gegen solche Erscheinungen zu erhalten.


Dunkle Augenhöhlen blickten in Hagals Richtung und boten die Anmutung einer sogartigen Leere, die seinen Geist zu verschlingen drohte. Der Barbar spürte in den Knochen, dass der Draugr ihn entdeckt hatte. Hagal behielt die Gestalt fest im Auge, trat hinter der dicht bemoosten Eiche hervor und schritt kampfbereit auf den Untoten zu. Mit einem kehligen Laut öffnete der Verweste seinen farblosen Mund. Grässlich weiter als es einem Menschen möglich wäre, ohne auf schreckliche Weise den Unterkiefer auszurenken. Der Draugr stieß ein langes markerschütterndendes Geheul aus, dieses tönte wie tausend Winde, die durch Äonen alten Katakomben heulten.

Plötzlich spie der Draugr einen schwarzen Dunst in Hagals Richtung. Der Barbar sprang hinter einen umgekippten Baumstamm in Deckung. Nur knapp verfehlte ihn der Schwall aus düsterem Rauch, dessen Erscheinung an Tinte im Wasser erinnerte. Der Draugr zischte wütend und würgte erneut eine unheilbringende Dunstschwade heraus.

Etwas kam ihm zuvor.

Die Luft um den Untoten herum flirrte. Der Leichnam zuckte und aus seinen unendlich dunklen Augenhöhlen lief plötzlich schwarzer Schleim.

Mit einem Mal erhob der Draugr sich und schwebte mit hängenden Beinen nur knapp über den Erdboden. Hagal konnte kaum einordnen, was er sah, aber es schien, als zerfiele der Untote in Milliarden kleine Staubteilchen, die schimmernd zu Boden rieselten. Ein seltsames Knistern lag in der Luft. Der Barbar rieb ungläubig seine Augen.

Eine Frau trat aus dem Dunkel des Waldes hervor. Sie war schlank und mochte an die fünfundzwanzig Sonnenläufe alt sein. Doch wirkte sie geschwächt und stützte sich auf einen langen Stab. Alle zwei Schritte hielt sie kurz inne, senkte ihren Kopf und stöhnte leise. Aus der Kapuze ihres olivgrünen Überwurfs fielen dunkelrote Locken heraus und den verschlissenen Rändern ihres Umhangs nach zu urteilen trieb sie sich öfters in der Wildnis herum.

»Du kannst jetzt hervorkommen«, sprach die Fremde.

Die Gegebenheiten gefielen ihm ganz und gar nicht. Hagals Stolz verlangte die Gewissheit, dass er ohne weiteres selber den klapprigen Gesellen nieder gerungen hätte.

Vielmehr jedoch verstimmte ihn, was er soeben gesehen hatte. Weder wollte er mit wandelnden Toten noch mit Zauberwirkern etwas zu tun haben. Am liebsten hätte er dem Draugr den morschen Schädel abgerissen und in dessen knochigen Hintern gestopft, um dann weiter zu ziehen. Sollten Untote doch über die Wege wandeln, es wäre nicht seine Angelegenheit. Dann würden Stadtbewohner wenigstens wach aus ihren Daunenbetten springen - jene blassen Gestalten die Wald und Heide stets mieden und hinter hohen Mauern sitzend Reden schwangen.

»Mein Name ist Kjella« sprach die Wirkerin mit fester Stimme. »Ich habe dich beobachtet. Ich denke, ich kann dich gebrauchen. Es soll sich für dich lohnen.«

Trotz ihrer sichtlichen Erschöpfung wirkte die junge Frau stolz und bemühte sich möglichst aufrecht, an ihrem gewundenen Stab gelehnt, zu stehen.

Der lange Stock bestand aus ineinander verschlungenem Wurzelholz, welches zur Spitze hin auseinanderlief um einem dunklen Stein Halt zu bieten. Die geschliffene Art des schwarzen Steins erinnerte an eine Speerspitze. Um die Taille der Zauberin waren breite Bahnen aus dunkelbraunem Stoff gewickelt. Knielang hingen die Enden vorne und hinten herab und bedeckten so ihre Blöße. Dazu trug sie ein wildledernes Mieder.

»Du hast mich beobachtet?«, fragte Hagal erzürnt. Inzwischen war er hinter seiner Deckung aufgestanden, aber machte keine Anstalten auf Kjella zuzugehen.

Die Fremde seufzte. »Aye, du weißt nicht, was an diesem Ort verborgen liegt, richtig?«

Er zuckte mit den Schultern.

Sie fuhr fort: »Wir sind hier unweit der Tholorischen Grabstätte. Ich will sie weiter untersuchen. Du machst den Eindruck, als könntest du mit deiner Axt umgehen und wie gesagt, ich kann bei meinen Vorhaben Unterstützung gebrauchen.«

Sie musterte wohlwollend den kräftigen Wilden.

»Ich schließe keinen Pakt mit Hexen und außerdem, warum soll ich dir helfen? Ich habe nicht darum gebettelt, dass du dich in meinen Kram einmischt, erwarte kein Danke von mir«, sprach Hagal schroff.

»Deswegen.«

Die Fremde kramte einen handlichen Beutel aus ihrem Gewand und warf ihn vor Hagals Füße. Der Beutel schien schwer zu sein. Der Wilde trat auf Kjella zu, beäugte misstrauisch den Gegenstand und zog es zunächst vor, diesen argwöhnisch mit seinem Axtstiel anzustupsen. Das Säckchen blieb davon unbeeindruckt. Er ging in die Knie, hob den Beutel auf und schaute hinein. Goldener Glanz erfreute seine Augen. Das Behältnis enthielt einige kunstvoll gearbeitete Armreife, ein mit Edelsteinen verzierter Anhänger sowie ein paar silberne Ringe. Die Schmuckstücke waren mit fremdartigen Ornamenten verziert, die Hagal noch nie zuvor gesehen hatte.

»Der Inhalt dieses Beutels stammt aus der Grabstätte, und wo dieser Schmuck herkommt, gibt es noch viel mehr - mehr als du je tragen kannst. Betrachte es als Anzahlung«.

»Hmm, und dieser Draugr, was hatte es mit dem auf sich? Den Erzählungen nach ist es sehr ungewöhnlich, einen Draugr außerhalb einer Grabstätte zu begegnen«, fragte Hagal.

»Es sei denn, man hat ihn verärgert. Das Grab ist in der Nähe und ich habe es bereits ein Stück weit ausgekundschaftet. Der, den du gesehen hast, war ein sehr mächtiger Draugr, drum zog ich es vor ihn schnell zu erledigen, auch wenn es mich große Kraft gekostet hat. Zum Glück sind die wenigsten Draugr zur Beschwörung von Schattenmagie fähig. Es wird nicht einfach sein die Grabstätte zu erkunden, aber mit deiner Hilfe kann ich es schaffen. Ich bekomme, was ich will und du wirst ein reicher Mann. Außerdem kann ich uns führen, zumindest zu anfangs. «

»Die Schätze interessieren dich nicht?« Dies kam Hagal höchst unglaubwürdig vor.

Kjella lächelte verwegen.

»Nein, ich trachte mitnichten nach Reichtümern. Mir geht es um etwas anderes, aber das muss dich gewiss nicht interessieren und es soll auch nicht deine Sorge werden. Nun, wie sieht es aus? Nutze die Gelegenheit.«. Sie deutete auf das Säckchen mit wertvollem Tand in Hagals schwielige Hände.

Über Wirker hört man stets die absonderlichsten Geschichten. Einige sollen in hohen Türmen hausen, die sie nie verlassen und ihr Leben damit zubringen zauberische Manuskripte zu studieren oder zu verfassen. Wieder andere erforschen verborgene Dinge, jenseits der Vorstellungskraft und verlieren daraufhin selber ihren Verstand, wenn sie nicht zuvor beim Durchführen gefährlicher Zauber grausam zu Tode kommen.

All dies ging Hagal durch den Kopf, während seine Finger mit einem verzierten Armreifen spielten.


»Nun gut. Ich komm mit. Aber wage es nicht, mich mit deinem Wulle-Wulle zu verhexen!«, mahnte Hagal mit ernster Miene und schulterte seine mächtige Axt.

Kjella erhob bei den Wort ›Wulle-Wulle‹ eine Augenbraue irritiert und entgegnete schließlich schelmisch grinsend: »Oho! Nein, ich würde es ja nie wagen, einen so überaus mächtigen und starken Krieger zu verärgern.«, zwinkerte Hagal zu und blies sich eine ihrer Locken aus dem fein gezeichneten Gesicht.

»Gut. Dann ist ja alles klar«, grummelte der Barbar und wusste nicht, was er von ihrer Andeutung halten sollte.

»Der Zauber, mit dem du den Draugr erledigt hat, er hat dich sehr geschwächt, oder?«

»Ach das, das geht schon. Ich brauchte nur ne kleine Verschnaufpause.« Kjella atmete übertrieben hörbar laut durch und bemühte sich nichts weiter anmerken zu lassen.

»Du wirst wissen, was du tust. Ich will mich kurz vorbereiten und ein paar Sachen holen, bevor wir aufbrechen«, erklärte Hagal.

»In Ordnung, ich warte hier«, sprach die Wirkerin und setzte sich mit unterdrücktem Stöhnen auf den weichen Waldboden.

Zurück im Lager ergänzte Hagal das Reisegewand mit seiner Rüstung aus schwerem gehärteten Leder und einem hornbesetzten Helm. Das Nachtlager aus Tannenzweigen war schnell abgebaut und diente nun dazu, die zurückgelassen Habseligkeiten vor diebischen Augen zu verbergen. Er löschte das Feuer und verwischte seine Spuren. Er schulterte den Rundschild und eine leere Beutetasche und kehrte durch das Unterholz zurück zum verabredeten Treffpunkt.

Kjella wirkte erholt, saß auf einem hohen Baumstamm und zappelte ungeduldig mit ihren in der Luft hängenden Füßen.

»Na endlich! Ich dachte schon, du hast den Schwanz eingezogen und es dir anders überlegt. Da wir nun zusammen ziehen, wie heißt du überhaupt?«

»Hagal«, antwortete der Söldner.

»Ah ja ... dann auf, auf! Es sind nur wenige Schritte zur Grabstätte«, japste Kjella aufgeregt.


Der Weg durch das Unterholz führte die beiden ungleichen Gefährten tiefer in das Dickicht. Nach einer Weile erreichten sie den Fuß eines großen Hügels mitten im Wald. Dunkel und schwer thronte die Grabstätte einsam auf der Spitze der Erhebung. Des Mondes Schein tauchte das alte Gemäuer in fahles Licht und bot einen Ehrfurcht gebietenden Anblick. Hagal hielt kurz inne. Bei dem Wort Grabstätte hatte er an eine paar wurmstichige Hügelgräber gedacht, doch dies hier glich einem Bollwerk, das sich keilförmig aus dem Hügel heraus gen Himmel streckte, wie die Schwertspitze eines schrecklichen Riesen. Ein modrig erdiger Geruch wehte von der Grabstätte herab und erzählte von Fäulnis und dunklen Gängen.

»Wer sagtest du noch gleich, liegt hier begraben?«, wollte Hagal wissen.

»Das Tholorische Heer«, antwortete Kjella.

Der Barbar stutzte.

»Aber warum wandelt dieses Heer, von dem sprichst, nach dem Tode umher?«

»Tholor war ein überaus strebsamer Feldherr, er war berauscht von der Gier nach Macht und bereit alles zu tun, um seine Ziele zu erreichen. Sogar mit dunklen Mächten zu paktieren, älter wie dieser Landstrich und mit durchtriebenen und boshaften Ansinnen behaftet.«

»Sprich weiter«, forderte Hagal und ließ die Totenfeste nicht aus den Augen, welche bedrohlich wie eine schwarze Bestie auf ihn herunter starte, als könnte jeden Moment ihr Tor wie ein riesiges Maul aufreißen und ungeahnten Schrecken in die Nacht speien.

Kjella fuhr fort: »Er hat bekommen, wonach er strebte. Jedoch anders, als er erhoffte. Tholor träumte davon, ein ewiges Reich zu errichten. Es heißt, dass die Mächte, mit denen er sich eingelassen hatte, ihm und seinen Mannen die Unsterblichkeit versprachen und eine Feste, welche die Zeit überdauern sollte. Gierig und trunken vom flammenden Wunsch nach Allmacht verkaufte er seine Seele und die Seelen jener, welche ihm dienten, unwissend welch boshaftes Spiel die schwarzen Mächte mit ihnen treiben würden. Denn alle Ewigkeit ist ohne Lust, wenn der Geist zwischen Zorn und Wirrnis gefangen und an einem verrottenden Leib gebunden ist. Und so bedeckte nach und nach der Staub der Jahrhunderte das Land. Aus einem Berg wurde ein Hügel, aus einer Tundra ein Wald und aus einer stolzen und schönen Feste die heute als Grabstätte bekannte Ruine.«

Hagal dachte nach »Dieses Heer, es scheint dazu verdammt zu sein die Feste zu bewachen, sonst hätte es diese schon längst verlassen. Unser Vorhaben scheint mir zunehmend gefahrvoller zu sein, wie es zunächst den Anschein hatte«.

»Die Legende besagt, dass Tholor, in dem Glauben von der ewigen Feste aus sein Reich zu errichten, alle seine Reichtümer hierher karren ließ. Das ist es, was die Draugr schützen. Wäre der Weg dorthin nicht ohne Gefahren, wäre jeder dahergelaufene Grabräuber schon mit dem Schatz auf und davon.«

Hagal nickte »Nun gut, Gefahr und Gewinn scheinen sich hier die Waage zu halten. Gehen wir es an«.

Der Herbstwind kam auf und die Bäume wiegten im nächtlichen Reigen hin und her, während der stämmige Barbar weiter dem gewundenen Pfad hinauf stapfte. Kjella folgte ihm unmittelbar und sie gelangten zum Tor der Grabstätte.

Das Tor war morsch und wurmstichig, doch wirkte es beim befühlten eigentümlich fest und störrisch. Hagal vermied die Festigkeit mit Klopfen zu testen, um keine unerwünschte Aufmerksamkeit zu erregen.

»Was nun?«

Kjella trat an ihm vorbei.

»Gib mir einen Moment«, flüsterte sie und zog aus ihrem Beutel einen mysteriösen hölzernen Ring von gut einer Handbreit Durchmesser. Das nussbraune Holz des Gegenstands war mit kristallenen Linien durchzogen, die der Maserung folgten. Sie umschloss den Rand des Rings mit gespreizten Fingern und drückte ihn gegen das Tor. Die eingelassene Kristallstruktur begann pulsierend zu leuchten und ließ wechselnde Runen und Muster im Kreisinneren entstehen, die Hagal nicht zu deuten vermochte. Kjella drehte den Ring mit der ganzen Hand. Das Tor ächzte schwer und Staub rieselte herab, während es einen spaltbreit aufging. Sie hustete, verzog schmerzhaft das Gesicht und stützte sich nach vorne gebeugt gegen das Tor. Ein dünner Faden Blut rann aus ihrem Mundwinkel herab.

Instinktiv griff Hagal zu Schild und Axt und nahm seine Verteidigungshaltung ein. Doch bis auf das Pfeifen des Windes, der Laub über das alte Gemäuer blies, blieb es still.

»Mir nach«, verkündete Kjella und ließ ihren schlanken Leib katzenhaft durch den Spalt des schweren Tores gleiten.

Hagal wollte es der Wirkerin gleichtun, doch sein stämmiger Körper und leises Fluchen ließen ihn selbst bei eingezogenem Wanst weitaus weniger elegant wirken, als er vermutete. Ein schwacher Rest des Mondlichtes schien in die Eingangshalle, gerade genug damit die Zauberin Hagals erwartungsvollen Blick erkennen konnte.

»Was? Denkst du, ich bringe gleich meinen Stab zum Leuchten um die Halle zu erhellen?«

Hagal fühlte sich ertappt.

»Nun ja ...«

Doch Kjella fuhr ihm erregt ins Wort.

»Die Magie kann man mitnichten einfach so benutzen wie eine unterwürfige Stoßmaid. Sie erfordert große Kraft und, wie du vielleicht schon gemerkt hast, einen Preis. Dachtest du, ich mache nun, wie sagtest du ... ›Wulle-Wulle‹, wenn man auch Fackeln mit einem Feuereisen anzünden kann?«.

Er blieb ihr die Antwort schuldig. Ihm war weiterhin schleierhaft, was er von der Wirkerin halten sollte. Abgesehen davon, dass sie Kräfte besaß, gefiel ihm die Art, wie sie ihn ansah nicht. Etwas in ihren grünen Augen mahnte ihn wachsam zu bleiben.

Einige Funkenschläge später leuchteten zwei Fackeln gleich einem flammenden Augenpaar in der nächtlichen Eingangshalle und die beiden Grabräuber schritten vor ran.

Die steinerne Halle besaß eine imposante Größe. Eine dicke Staubschicht bedeckte den ehemals prächtigen roten Teppich und mit Ranken umwucherte Säulen mündeten in spitze Bögen die sie mit der Decke verbanden. Ein schwerer erdiger Geruch erfüllte die kühle Luft.

»Ich wundere mich, dass wir keinen Wächtern begegnet sind. Ich bin überrascht, dass unser Eindringen ohne Widerstand vonstattengeht« merkte Hagal an.

»Sie wurde bewacht. Eine der Wachen sahst du bereits vorhin. Die Stelle, bis zu der ich einst gelangte, ist nicht mehr weit«.

Kjella ging voran, Hagal folgte. Der Schein der Fackeln flackerte wild in der zugigen Eingangshalle und erzeugte groteske Schatten in den Gesichtern der Statuen, die ihren Weg säumten. Ihr Weg führte sie an einem mächtigen Deckenbogen vorbei, der vor einigen Hundert Jahren eingestürzt sein musste, hin zur hintersten Ecke der Halle. Dort befand sich ein mannshoher Durchgang, der über eine Treppe hinabführte.

»Der direkte Weg zum Thronsaal ist verschüttet. Aber ich weiß von einem Nebeneingang. Bis hierhin bin ich gekommen ehe die Wächter erschienen.«, sagte Kjella und deutete mit ihrer Fackel in die gähnende Dunkelheit hinab. Hagal übernahm die Führung und gemeinsam schritten sie die steinernen Stufen abwärts.

Das Ende der Treppe mündete in einem schmalen Tunnel, der ins Dunkle verlief. Hagal schnüffelte.

»Ich rieche Öl« bemerkte er und versuchte, im Licht der Fackeln, die Geruchsquelle ausfindig zu machen.

»Links und rechts in den Wänden sind auf Schulterhöhe Rinnen mit Öl eingelassen« Beschrieb er Kjella.

»Moment mal, ich vermute etwas« sprach er und hielt seine Fackel an eine der Rinnen. Hell zischte Feuer linienartig an der Wand entlang und entzündete nach und nach die zunächst im Dunkeln verborgenen Wandfackeln des Tunnels. Kjella tat es ihm gleich und entzündete auf der gegenüberliegenden Seite das Öl. »Erstaunlich« flüsterte sie. Der Gang wurde alsbald schwach beleuchtet und ließ nun eine schwer abzuschätzende Länge mit einigen Abzweigungen erkennen.

»Verdammt! Das sieht aus wie ein beschissenes Labyrinth« fluchte Hagal

»Keine Sorge, ich weiß, wie man es durchdringt.« Die Wirkerin deutete an eine Stelle der Decke über ihnen. Im schwachen Licht der Fackeln war das bronzene Symbol zweier Wölfe zu sehen, die miteinander rangen. »Dies ist Tholors Wappen. Wir müssen nach diesem Symbol Ausschau halten und ihm folgen«.

Die Abenteurer schlichen durch einige dunkle Abzweigungen des feuchten und Spinnenweben verhangen Labyrinths. Ihre Blicke galten Decken und Wänden, stetig nach dem Wolfswappen suchend.

Auf einmal hörte Kjella hinter ihnen kehlige Laute.

»Hagal!«, schrie sie und wirbelte herum.

Das Grauen hatte sie gefunden. Ein halbes Dutzend Untoter wankte unaufhaltsam in ihre Richtung. Ihre verwesten Leiber trugen verwitterte Rüstungen und mordlustig schwangen sie Schwerter und Äxte. Hagal zückte seine Axt und hielt sein Rundschild vor sich

»Los, geh hinter mich, ich gebe Deckung!«

Kjella tat wie ihr befohlen, und nahm die Stellung hinter dem in Angriffshaltung geduckten Barbaren ein. Ihren gewundenen Stab, mit der scharfen steinernen Spitze, hielt sie wie einen Speer. Die Horde der Untoten preschte kreischend auf die Abenteurer zu. Ein besonders Angriffslustiger erreichte die Spitze. Keifend, mit wild schwingender Klinge sprang er im Bogen direkt auf Hagal zu, der mit wucht sein Rundschild nach oben stieß und den Schädel des Angreifers zwischen Schildrand und der niedrigen Decke zertrümmerte. Kjella stach mit ihrem Stab durch Hagals soeben geöffnete Deckung und traf einen Draugr zwischen die Rippen. Der Untote lies sich von dem Speer nicht aufhalten und schritt weiter auf sie zu. Dabei glitt der Speer immer tiefer in seinem blassgrauen Körper und schwarze Flüssigkeit lief an ihm herab. Bevor Kjella auf ihre missliche Lage reagieren konnte, sauste Hagals Axt durch die Luft und schlug dem Draugr geradewegs den Kopf ab. Nun erreichten die restlichen Untoten die zwei Gefährten und drängten diese immer weiter in den Gang. Hagal kämpfte wie ein Berserker, trat Brustkörbe ein, verteile Schildschläge und Axthiebe und Kjella verteidigte sich mit ihrem Speer nicht weniger gnadenlos, den sie in Augenhöhlen und Kehlen stieß. So fielen nach und nach die Angreifer. Mit einem Fußstampfer zermalmte der Barbar den Kopf des letzten Untoten, der mit abgehackten Beinen noch versuchte auf ihn zu zu kriechen »Verdammt, wo kamen die denn her? Ist an dir noch alles dran?« Keuchte Hagal und verband notdürftig einen Schnitt, den er in einem unachtsamen Moment am Oberschenkel abbekommen hatte.

Auch Kjella schnaufte »Mir geht es gut und ich bin ab diesem Stück des Weges auch nicht schlauer als du«.

»Nun, jedenfalls alle Achtung, du weißt dich auch ohne Zauberei zu wehren« Hagal nickte Kjella anerkennend zu.

»Wie ich schon sagte, warum sollte ich Magie für Dinge benutzten, die sich einfacher erledigen lassen?«, sprach sie und lächelte verschmitzt.

»Gehen wir weiter« raunte Hagal.

Die Luft wurde zunehmend kühler und feuchter als ihr Pfad sie tiefer hinab führte. »Scheißdreck, dieser ganze Gang muss ab hier abgesackt und überflutet sein. Dieses stinkende faule Wasser ist im Laufe der Jahre allmählich hinabgesickert« fluchte Hagal, während er bis zur Hüfte durch das kalte braune Nass stampfte.

»Wenigstens steht dir das Wasser nicht bis zur Brust. Uh, und ich will gar nicht wissen, wo ich grade drauf getreten bin« klagte Kjella mit zugehaltener Nase. So schritten sie mit hoch erhobenen Fackeln weiter den Gang entlang. »Hörst du auch dieses, ... dieses Geräusch?«, fragte sie.

Hagal blieb stehen und lauschte angestrengt. Tatsächlich vernahm er ein Rauschen, das er nicht zuordnen konnte. Das Geräusch kam immer nähe.

»Jetzt ja, ich weiß nicht was es ist, aber es ist sicher nichts Gutes, wir sollten uns beeilen und hier verschwinden«.

Mit großen Schritten bewegten sie sich durch die faulig schwarze Brühe.

Das Rauschen kam näher.

Das Rauschen war kein Rauschen mehr.

Das Rauschen wurde zum Tapsen und Kratzen abertausender Füße.

Hagal sah mit schrecken eine wimmelnde Masse aus dem Dunkeln kriechen. Entlang der Wände und Decken des überfluteten Ganges drängte sich eine geifernde Meute von Ratten, so groß wie Hunde. Plötzlich waren hunderte kleine gierige Augen zielstrebig auf ihn und Kjella gerichtet. Die Ratten stürmten auf sie zu. Die Situation schien aussichtslos, die Abenteurer liefen, so schnell sie nur im brusthohen Wasser konnten und versuchten mit hastigen Schwimmbewegungen besser voran zu kommen. Das Wasser spritzte und Hagal keuchte, die flinke Kjella überholte ihn schon bald und erreichte als erstes eine trockene Erhöhung, auf die sie sich heraufzog. Augenblicklich versank die Wirkerin in abwesendes Murmeln. Hagal blieb keine Zeit, um darüber nachzudenken, als auch er mit einem zweiten Versuch endlich die klitschige Anhöhe erreichte. Hagal war bereit, die Ratten abzuwehren, wenn er hier schon sterben sollte, tief unter der Erde und angenagt von Ratten, dann nicht kampflos.

Kjellas Murmeln wandelte sich in einen dunklen Singsang und sie ließ ihren Stab beschwörerisch kreisen. Ihre Augen zeigten nur noch das Weiß und mit einem schrillen Schrei stieß sie ihren Stab ins Wasser. Das dunkle Nass brodelte und pulsierte grün. Gespenstischer Dampf stieg von der zischenden Brühe auf, als die Ratten die Abenteurer fast erreichten. Siedend heißes Wasser spritzte an Decke und Wände des niedrigen Ganges und traf die riesigen Ratten. Markerschütterndes Quieken und Kreischen hallte durch den Tunnel, als nach und nach die hungrigen Nager mit dem kochenden Wasser in Berührung kamen und in das brodelnde Nass hinein fielen. Bald stank es nach gekochten Ratten, die aufgeplatzt in der Überschwemmung trieben.

Kjella wankte und stolperte auf die Kannte zu. Der Abgrund hieß sie bereits willkommen. Eine feste Hand griff nach ihrer Schulter. Hagal schaffte es gerade noch sie davor zu bewahren in die widerwärtig kochende Brühe zu stürzen. Die Wirkerin sackte vor Erschöpfung reglos zusammen


Der Barbar wusste nicht, wie lange Kjella schon bewusstlos war. Hier unten gab es kein Zeitgefühl - nur die ewige Dunkelheit. Auf sein Schild gestützt hockte der massige Hüne neben der zierlichen Zauberin. Er starrte in die endlose Leere und wachte. Sie atmete ruhig und gleichmäßig und ließ sich nicht wecken. Hagal hoffte darauf, dass sie von selbst erstarken möge, wie schon zuvor. Im Schein der da liegenden Fackel betrachtete er ihre hohen Stiefel, die blassen Schenkel, nur von zwei Bahnen Stoff bedeckt und das wildlederne Mieder, unter dem sich ihre festen Brüste bei jedem Atemzug hoben und senkten. Sie stöhnte leise und ihre zarten Lippen öffneten sich leicht. Kjella erbrach sich und riss die Augen auf.

»Oh verdammt, warte« Er half ihr in die Seitenlage.

»Hier, trink was«.

Sie griff sofort nach dem Wasserschlauch und trank einen großen Schluck. Sie hustete und fragte schließlich keuchend »Sind - sind sie tot?«.

»Aye, alle. So tot wie man gekocht nur sein kann. Das war ... beeindruckend«.

»Gut ... Hilf mir hoch, von nun an sollte ich schnell wieder zu Kräften kommen«.

Hagal reichte ihr die Hand und zog Kjella zu sich hoch.

»Und du bist sicher, dass du laufen kannst?«.

»Ja, und frag mich nicht jedes Mal! Du bist nicht meine verdammte Mutter« antworte Kjella verdrossen.

»Hm« brummte er und nickte.

Sie packten ihre Ausrüstung und setzten ihren Weg fort.

»Hagal?«

»Ja?«

»Danke, ... das du auf mich aufgepasst hast, ... in der Dunkelheit«

»Schon gut«.

Sie ließen den überschwemmten Abschnitt hinter sich und gelangten nach einigen Schritten zu einer breiten mit Fackeln versehene Wendeltreppe, die über zahlreiche Stufen hoch auf die Ebene der Eingangshalle führte. Eingerahmt von zwei majestätischen Kriegerstatuen ragte ein hoher Torbogen vor ihnen empor. Die Statuen hielten mit Öl gefüllte Schalen, welche Hagal sogleich entzündete. Es war die massivste Tür, die er je erblickt hatte. Sie bestand aus schweren Eichenbohlen, beschlagen mit Platten aus fingerdickem Metall. Kein Schloss oder Griff war zu erkennen. Stattdessen prangte in ihrer Mitte ein großes bronzenes Ornament mit zwei kämpfenden Wölfen. Eine Vielzahl komplizierter Zeichen umgab das Wappen. Hagal konnte keines davon deuten.

Kjella berührte das Ornament und studierte es eingängig.

»Hmm, das hier scheint mir ein magisches Schloss zu sein«.

»Du meinst wie das beim Eingang von diesen verdammten Ort?«, fragte Hagal.

»Nein, das war ein magischer Schlüssel für ein gewöhnliches Tor«.

Hagal schüttelte verwundert den Kopf und murmelte leise »Wulle-Wulle«.

»Es scheint mir eine Art magisches Rätsel zu sein. Ich muss die Zeichen deuten, gib mir einen Moment«.

Doch viel Zeit blieb ihnen nicht. Mit einem Mal ertönten dumpfe Geräusche und schwere Schritte in den Tiefen der Wendeltreppe hinter ihren Rücken. Jemand oder etwas kam hinauf. Sie saßen in der Falle.

»Verdammt, was auch immer du tust, mach schnell, ich sichere die Wendeltreppe, das ist unsere einzige Chance« rief Hagal Kjella zu, während er Schild und Axt hob und zur Treppe ging. Die Schritte wurden lauter, sie tönten schwer. Ein fürchterlich scharrendes Geräusch begleitete sie, so als zöge jemand etwas metallenes die Stufen herauf. Die Schritte im dunklen waren fast zu Hagal gelangt.

Ein unförmiger, bleicher Schädel stieg aus der Dunkelheit herauf und enthüllte seinen grotesken Körper, doppelt so groß wie Hagal selbst. Das Wesen schien aus einer Vielzahl menschlicher Knochen zu bestehen, die monströse Sehnen und Muskeln bildeten und sich mit hölzernen Bewegungen ineinander verschoben. Als wäre der Anblick nicht schon furchterregend genug, zog der Gegner zudem einen gefährlichen Bihänder hinter sich her. Der bleiche Schädel sah zu Hagal hoch. In den Augenhöhlen des Knochengolems waberte ein schattenhafter Dunst, der nun tiefschwarz wurde.

Das Ungetüm stürmte die restlichen Meter der Wendeltreppe hinauf und schlug zu. Die Klinge sauste auf Hagal hernieder, dieser sprang im letzten Moment zur Seite. Um Haaresbreite verfehlte sie seine Schulter. Der wilde Krieger witterte seine Gelegenheit. Ehe das Scheusal die im Boden versenkte zweihändige Klinge erneut zum Schlag erheben konnte, nutzte Hagal sie als Rampe und sprang mit einem Satz von dieser ab um mit seinem ganzen Schwergewicht gegen den knochenverwobenen Brustkorb des riesigen Widersachers zu krachen. Der Knochengolem taumelte und als er hinterrücks die Treppe hinabstürzte, riss er Hagal mit in die Tiefe. Miteinander ringend holperten der Barbar und sein Widersacher die Stufen hinab. Hagal hieb dabei ohne Unterlass mit seiner Axt auf den Gegner ein. Schließlich polterten sie über die letzten Stufen und blieben regungslos liegen.


Der Barbar rappelte sich auf. Hunderte Prellungen und Blutergüsse marterten seinen Leib, doch konnte er seine Glieder noch bewegen. Mit einen kehligen Raunen erhob sich auch der Knochengolem. Ihm hatten der Sturz und die Angriffe schlimm mitgespielt. Ein Teil seines Rumpfes war gesplittert und legte einen Kristall frei, in dem schattenhafter Rauch waberte. Ähnlich wie schwarze Tintentropfen in einem Wasserglas. Mit seinen knochigen Krallen schlug das wutentbrannte Scheusal nach dem Barbaren.

Hagal warf sich zur Seite.

Zu langsam.

Ein stechender Schmerz durchfuhr seinen Waffenarm.

Grunzend ließ er die Axt fallen.

Der Schädel des Biests grinste den Barbaren boshaft an, als es seine schwere Klinge ergriff und zu einem finalen Schlag ausholte.

Im Nu hob Hagal sein Rundschild über den Kopf und blockte den Bihänder, welcher geradewegs von oben auf ihn herab sauste. Eine Tiefe Furche durchzog den Schild und reichte von der eisernen Fassung bis über den Schildbuckel. Er sah nun den Schattenkristall, des vornüber gebeugten Golems, ganz nah durch das in den Brustkorb geschlagene Loch. Der Barbar ballte seine rechte zur Faust, stieß ein Brüllen aus und schlug mit aller Kraft gegen das dunkle Juwel. Mit einem kreischenden Geräusch sprang der Kristall und der dunkle Rauch entwich. Der Knochengolem zerfiel in seine Einzelteile.

Hagal schüttelte seine schmerzende Hand und bewegte vorsichtig die Finger. Er hatte einige Schnitte abbekommen und sie schwoll bereits an. Jedoch blieb ihm nicht viel Zeit, seine Wunden zu versorgen. Staub rieselte von Wänden und Decken und das gesamte Mauerwerk schien zu beben. So schnell er konnte, eilte er die Wendeltreppe zurück nach oben. Hagal rang keuchend um Atem. Kjella hatte es geschafft. Das Portal mit den zwei Statuen stand weit offen. Hagal schritt hindurch und schluckte. Berge von Kostbarkeiten aller Art häuften sich in der Halle. Hacksilber war neben kunstvoll angefertigten Goldstatuen aufgebahrt und in reich verzierten irdenen Schüsseln lagen Diamanten wie wunderschöne Früchte. Doch eins trübte den prachtvollen Anblick: In der Mitte des Raumes hockte Kjella nackt, in einem Kreis aus frisch aufgemalten Runen, und wog sich in ihr Murmeln versunken hin und her. An der Wand ihr gegenüber saß regungslos und bleich ein Leichnam auf einem goldenen Thron. Dem mit Insignien verzierten Kürass nach musste es Tholor sein. Ein grüner magischer Schimmer umgab den sagenumwobenen Herrscher.

Die Grabstätte bebte und einige der aufgebahrten Schätze fielen um und klapperten. Die Runen in Kjellas Kreis pulsierten grünlich und ihr Raunen wurde zu einem hörbaren sich wiederholenden Singsang.

»Tholor, Herrscher versunken in ewiger Nacht, sei mein Diener, gewähre mir Macht. Ewiges Heer, geboren aus Gier, erwache für mich, ich befehlige dir!«.

»Nein! Tu das nicht!« Schrie Hagal, der sofort begriff, dass hier etwas Gefährliches im Gange war. Er wollte Kjellas dunkle Beschwörung unterbrechen und sie aus dem Kreis ziehen, doch stieß eine unsichtbare Wand ihn zurück und schleuderte ihn scheppernd in einen Haufen Goldmünzen.

Kjella, ganz und gar in ihr Ritual vertieft, nahm ihn nicht einmal wahr.

Der Leichnam erhob sich von seinem Thron und der grüne Schleier, der ihn umgab, verdichtete sich. Dann passierte etwas, das Kjella nicht erwartet hatte. In den Augen den Untoten Tholors entflammte schattenhafter Dunst. Er öffnete seinen Kiefer erschreckend weit. Etwas von dem gespenstischen Nebel entwich seinem Schlund und fraß die grüne Aura von innen auf. Kjella floss kalter Schweiß den nackten Rücken herab und auf ihrer Stirn traten die Adern hervor, als sie immer stärker gegen den sich widersetzenden Untoten anzukämpfen. Ihr Rufen wurde lauter. Die Grabstätte bebte von Mal zu Mal heftiger und erste Steine fielen von den Säulen hernieder. Hagal blinzelte und mühte sich wieder auf die Beine. Die Sache würde übel ausgehen. Er musste mitnehmen, was er nur konnte und als reicher Mann von diesem verfluchten Ort verschwinden, ehe dieser alles unter sich begraben würde. Schnell scharrte er mit den Händen Goldmünzen zusammen und füllte damit seinen Beutesack, den er rasch fest zuband und über die Schulter Warf. Das Gemäuer ächzte und grollte. Schon klafften erste Risse in den Wänden. Teile der Decke krachten herab, während der magische Zweikampf tobte. Hagal sprang den Trümmern hastig aus dem Weg, als eine der gigantischen Säulen gegen die östliche Wand stürzte und einen breiten bodentiefen Spalt in diese schlug. Durch den Spalt drangen schwach die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne herein. Das war seine Rettung. Das Gold lastete schwer auf ihm und als er über die Schulter schaute, um den Sack fester nach zu fassen, sah er, dass Kjella den Kampf verloren hatte. Die Zauberin lag ohnmächtig auf dem Boden. Der grüne Schimmer, der Tholor zuvor umschloss war verschwunden. Aus der Kehle des Untoten Herrschers drang das Geräusch tausend heulender Winde, als er eine Wolke des schattenhaften Nebels beschwor. Rasch wandte sich Hagal dem Ausgang zu, dachte an den Haufen Gold, den er hier raustragen würde. Dann blickte er zurück zu Kjella, jener törichten Hexe, die so anmaßend gewesen war zu denken, sie könne sich einen Jahrhunderte alten Draugrherrscher Untertan machen. Es würde ihr nur recht geschehen hier zu verrotten. Hagal hielt einen Wimpernschlag lang inne. Dann fluchte er, wie er noch nie geflucht hatte. Der Sack schepperte zu Boden. Hagal rannte zu Kjella und warf sich die zarte Wirkerin über seine Schulter. Sein starker Arm umfasste ihre Unterschenkel. Er rannte los. Rannte, so schnell er nur konnte, Richtung Mauerspalt. Plötzlich schoss von der Seite eine Wolke aus schwarzem Dunst auf ihn zu, doch er schlug einen Haken, machte einen Satz und brach durch den Spalt hinaus ins Freie.

Hagal rannte und seine Muskeln brannten.

Es regnete Steine vom Himmel. Ein Schatten schwebte über ihm. Im letzten Moment sprang er beiseite, kurz bevor der gewaltige Brocken neben ihm Einschlug. Der Barbar konnte sicheren Abstand gewinnen, eher ihm endgültig der Atem ausging. Er legte Kjella vorsichtig ins Gras und ließ sich schnaufend auf den Rücken fallen. Mit dem lauten Getöse stürzte die Grabstätte gänzlich zusammen und beerdigte alles das unter ihr lag.


Hagal schnappte nach Luft und atmete heftig. Er brauchte eine Weile um wieder auf die Beine zu kommen. Kjella war weiterhin ohnmächtig und atmete flach. »Ach du verdammt Hexe, ich könnte dich erwürgen!«, fluchte er, trat wütend gegen einen Haufen Erde und atmete kurz durch.

Er schulterte erneut die Bewusstlose und stapfte zurück zu seinem Lager. Hinter ihm hing eine dichte Wolke staub über der eingestürzten Grabstätte und leuchtete golden im Licht des neuen Morgens.


Der Tag verging, aber ohne dass Kjellas Zustand sich veränderte. Das Feuer knisterte und Hagal erneuerte einige seiner Verbände. Da hockte er wieder, angelehnt an eine alte Eiche wie den Abend zuvor. Ohne einen Sack voll Gold aber dafür geschunden und dem Tode knapp entkommen. Die Zauberin lag neben ihm gebettet, lediglich in seinen Umhang eingewickelt. Ab und an hatte er ihr Wasser eingeflößt, Blut von der Nase gewischt und kalte Umschläge auf die Stirn gelegt. Nun blinzelte sie »Hagal?«

»Ja?«

»Was ... was ist geschehen?«

»Das müsstest eigentlich du mir erklären« grummelte Hagal und stocherte im Feuer.

Kjella sprach leise »Du hast mich gerettet, stimmts? Ich war ... so töricht. Ich gierte nach Macht und gebracht hat es nur Unglück«.

»Ich vermute, vor den Verführungen der Gier ist niemand gefeit« Hagal spielte nachdenklich mit einer kleinen ihm verbliebenen Münze zwischen den Fingern. »Schlaf und ruh dich aus. Ich wache über dich in der Nacht«.

»Danke« hauchte sie leise über ihre Lippen und entschwand erneut in schwere Träume.

Das Licht des Lagerfeuers schien auf Kjellas Gesicht. Der Barbar betrachte sie lange. An dieses Abenteuer würde er noch im Schein vieler Lagerfeuer zurückdenken.


Ende.