Die Wilden Lande

Die Sümpfe des Wahnsinns

Titel-Cover Die Sümpfe des Wahnsinns

Die Sümpfe des Wahnsinns

Die letzten Tage vergingen wie ein wilder Rausch. Begleitet von der stickigen Luft schwarzen Morasts, dem Summen der Insekten und den wirren Träumen durchgeschwitzter Nächte. All dies schien eins zu werden und ihn auszuzehren, in tiefe, dunkle Gewässer zu ziehen und unter Schachtelhalmen und Dotterblumen zu begraben. Das Sumpffieber hatte sich angeschlichen. Versteckt im faulen Gewässer, in den Stichen der Mücken und den Bissen der Blutegel. Schließlich hatte die Krankheit ihn, Hagal, den Hünen, zu Fall gebracht. Nun lag er da, in Krämpfen, schweißgebadet und einsam unter blassen Sternen im undurchdringlichsten Sumpfland, das die wilden Landen zu bieten hatten.

Hagal dachte zurück an seine Zeit bei den Stämmen und an den großen Bären – jenes Totem, das über ihn und die Nomaden des Nordens wachte. Mit trockenen Lippen murmelte er heißer ein Gebet.


Alvner streifte barfuß durch die Nacht. Nur die Mutigsten wagten es, im Dunkeln den Schutz des Dorfes zu verlassen. Doch eine Gelegenheit wie diese würde er sich nicht entgehen lassen. Die Brunftzeit der Schlammwühler hatte begonnen, und wenn er erst seine Trophäe in den Händen hielt, waren ihm Ruhm und Ehre gewiss. Tagelang hatte er ihre Spuren gelesen und letztlich hier, wo der Wald in den Sumpf überging, das Brunftgebiet der bulligen Tiere ausgemacht.

Er legte sich auf die Lauer, darauf wartend, jeden Moment mit seinem Speer hervorpreschen zu können. An der Waldgrenze ertönte lautes Schnauben. Der Jäger schaute angestrengt in die Dunkelheit. Alvner war bereit für den Kampf. Doch es blieb nicht bei einem Schnauben. Ein unheimliches Röcheln und Stöhnen drangen an sein Ohr und ließen ihn schaudern. Die Neugier des jungen Jägers war stärker als seine Vorsicht, und er bahnte sich behände einen Weg durch den Sumpf. Vorbei an schlangenförmigen Wurzeln und giftigen Dornen, über alte Pfade, die sein Stamm ihn von Kindestagen an gelehrt hatte. Schließlich sah er den Ursprung der schauderhaften Geräusche. Kümmerlich, in eine verdreckte Decke gewickelt, lag ein Mann von breiter Statur im Dickicht verborgen. Der Schweiß floss dem Fremden in Strömen über die Stirn, der lange Bart war zerzaust und wirr. Er war nicht bei Bewusstsein und öffnete selbst dann nicht die Augen, als Alvner eine notdürftige Schleiftrage aus dünnen Ästen flocht und ihn mit aller Kraft darauf wuchtete.


Hagal wusste nicht mehr, ob er wachte oder träumte. Mal sah er Gräser und Sumpffarne an sich vorbeiziehen, dann wieder die schneebedeckten Täler der Tundra des hohen Nordens, durch die Hunderte Bisons rannten, welche die Erde zum Beben und den Kopf fast zum Zerbersten brachten. Eine tiefe Schwärze verschlang ihn. Er spürte, dass ihn etwas davon zog. Er ließ seine Gedanken los.

 

Kräuterdüfte stiegen in seine Nase. Dunkelheit.

Dampfende Aufgüsse vernebelten die Luft. Vogelzwitschern.

Kühle Umschläge benetzten die Stirn. Dämmerung.

Jemand blies ihm Rauch ins Gesicht. Sonne.

Wasser floss in seinen Mund. Eulenschrei.


Hagal blinzelte und fasste sich an die Schläfe. Nur mit einem Lendenschurz bekleidet und auf Strohmatten gebettet, schaute er sich mit zusammen gekniffenen Augen um. Die Wände der Hütte verliefen im Kreis und bestanden aus geflochtenen Ästen und Gräsern, durch die goldene Sonnenstrahlen fielen und Muster auf den Boden zeichneten. In einer Ecke fand er sein Reisegepäck und Rüstzeug sorgfältig aufgebahrt. Daneben lag die lange Streitaxt samt Rückengurt. Sein Hals brannte. Der Wasserkrug kam ihm gerade recht, und er leerte ihn gierig in einem Zug.

Hagal stand auf, schwankte, stützte sich an der Wand ab und trat ins Freie. Auf all seinen Reisen durch die wilden Lande hatte er so etwas noch nie gesehen. Er stand auf dem Kopf eines riesigen Pilzes, gut fünfzehn Speerlängen über dem Boden. Daneben wuchsen weitere Pilze in unterschiedlichen Formen und Höhen. Seilbrücken und Strickleitern verbanden sie miteinander, und zwischen den darauf erbauten Hütten und Verschlägen herrschte ein reges Treiben. Etwas Schlimmes musste geschehen sein. Verwundete wurden auf den Wegen versorgt, Zäune wurden ausgebessert, und Krieger mit Speeren standen wild gestikulierend beisammen.

»Na, endlich! Ich dachte schon, du wachst gar nicht mehr auf.«

Hagal drehte sich in Richtung der Stimme um. Der Sprecz war in etwa so groß wie er, aber im Gegensatz zu dem Barbaren von drahtiger Statur. Seine schlanken Muskeln, die langen dunklen Haare und das kantige Gesicht verliehen ihm ein beeindruckendes Äußeres. Wie die anderen Kriegern des Dorfes trug er eine Ausrüstung bestehend aus einem Speer und einem ledernen Brustlamellar. Allerdings schmückten blaue Federn sein Haupt, und den Hals zierte eine Kette aus bunt bemalten Vogelschädeln.

»Was ...«, setzte Hagal an.

»Mein Name ist Alvner, der Sohn des Ahres. Es ist vier Tage her, dass ich dich im Sumpf fand. Du warst fiebrig und benommen. Ich habe dich hierher geschleift. Puh ... du bist ein ganz schöner Brocken!«, erklärte der drahtige Krieger lachend und fuhr fort: »Nachher werde ich dich zu meinem Vater, dem Häuptling, bringen. Wie du siehst, gibt es gerade viel zu tun. Ruh dich noch etwa aus, ehe ...«

»Hagal«, antwortete der Barbar.

»Ah ... dann auf bald, Hagal«, sprach der Krieger und ging federnden Schrittes über eine der Brücken davon, bevor Hagal recht zu Sinnen kommen und einen Satz bilden konnte. Der Barbar setzte sich auf den Boden und rieb seine Augen. Er war überrascht von der Vertrauensseligkeit des Mannes, ihn, einen Fremden in sein Dorf zu holen und gesund pflegen zu lassen. Eine derartige Gastfreundschaft war ihm südlich der lebensfeindlichen Tundra bisher noch nicht begegnet. Hagal fühlte sich benommen, und so fiel es ihm leicht, dem Rat zu folgen. Er lehnte sich im Schneidersitz an die geflochtene Hütte.


Im Laufe des Tages kehrten Ordnung und Ruhe in das Treiben ein. Verletzte, die nicht mehr laufen konnten, wurden weggetragen. Die Kriegergruppen lösten sich allmählich auf, und Reetdächer sowie Zäune wurden notdürftig geflickt.

Die Sonne stand tief am Horizont. Ein kühler Wind fuhr durch die gigantischen Pilze und trug den Duft der Herdfeuer mit sich. Hagal streckte seine Muskeln und ließ die Schultern kreisen – er fühlte sich inzwischen deutlich munterer.Dazu hatten ein großer Becher Wasser mit Beerensaft und eine gute Portion Dörrfleisch beigetragen, das ihm ein Bote gebracht hatte.

Aus der Ferne sah er Alvner auf sich zueilen. Seine Miene war ernst und betrübt.

»Hagal, es ist soweit, mein Vater, der Häuptling, möchte dich sehen«.

»Ich hatte noch keine Gelegenheit, meinen Dank auszusprechen, Alvner, Sohn des Ahres«.

»Später, später ... folge mir, bald kannst du alles erzählen«.


Hagal folgte seinem Retter über zahlreiche Brücken und Riesenpilze, von denen einige unter den Füßen des Schwergewichts leicht wankten. Schließlich erreichten sie mit einer langen Strickleiter den Pilzkopf, der all die anderen überragte. Eine große Halle war auf ihm errichtet, und Wächter beschützten ihren Eingang. Als sie Alvner sahen, machten sie umgehend Platz und bliesen mit faustgroßen Schneckenhäusern einen kurzen Signalton.

Die Halle glich einem Thronsaal aus geflochtenen Weidenästen und Lehm. Bunte, Ornamente bildende Steine zierten einige der Wände, und eingerahmt von Säulen, an denen prächtige Farne hingen, erhob sich der Thron aus Geweihen. Stolz und herrschaftlich saß der weißhaarige Häuptling auf seiner Empore. Sein Haupt krönte ein mit blauen Federn besetztes ledernes Flechtband, das durch eine mit Ranken bestickte Tunika ergänzt wurde.

»Wohl an, Hagal aus dem hohen Norden, was führt dich hierher in unser Sumpfland?«, fragte Ahres sogleich mit ehrfurchtgebietender Stimme.

»Heil dir, Ahres. Ich danke deinem Sohn und dir für eure Hilfe und Gastlichkeit«, stimmte Hagal ein.

Der Häuptling nickte anerkennend.

Hagal baute sich breitbeinig auf und sprach weiter:

»Es war nicht meine Absicht, in dein Herrschaftsgebiet einzudringen. Vielmehr war ich auf der Durchreise nach Gladsheim, um alte Freunde zu treffen und Geschäfte zu machen«.

Ahres glaubte dem Barbaren. Der alte Häuptling hatte in seinem Leben schon viel gesehen. Gladsheim war eine bekannte Handelsstadt im Norden, und der Mann vor ihm sah eindeutig so aus, als stammte er von den wilden Völkern der eisigen Tundra des hohen Nordens ab. Davon zeugten seine blaugrauen Augen, der stattliche Bart und der Fellbesatz seiner Lederrüstung. Aber so ganz war das Bild für ihn noch nicht stimmig.

»Geschäfte, sagst du. Du siehst für mich nicht wie ein Händler aus, und soweit mir berichtet wurde, hast du keine nennenswerten Waren dabei«, bemerkte der scharfsinnige Alte.

»Ich handle nicht mit Waren, sondern mit dem, was meine Axt und meine Hände anrichten können.« Hagal verschränkte die Arme.

»So, so ... nun, Hagal, reisender Söldner des Nordens, du musst wissen, wir befinden uns hier in einem Krieg. In der letzten Nacht, während du noch schliefst, wurden wir erneut angegriffen, und wie wir vor Kurzem erfahren haben, wurde dabei meine Tochter Ranja verschleppt«, sprach der Häuptling betrübt.

Hagal reckte das Kinn vor.

»Ich stamme von den Bären, dem ziehenden Volk der nördlichen Tundra, ab. Bei uns ist es Sitte, seine Schuld zu begleichen, wenn man vor dem Tode gerettet wird.« Der Barbar blickte abwechselnd Alvner und Ahres an. »Lasst mich also meine Schuld begleichen, indem ich euch in diesem Krieg beistehe.«

Der Häuptling nickte Hagal anerkennend zu.

»Das freut mich zu hören. Ich will kein Heer befehligen, um meine Tochter zurückzuerhalten. Dies zöge viel zu viel Aufmerksamkeit auf sich, und sie würden Ranja töten, bevor wir sie erreicht hätten. Ich will, dass du meinem Sohn Alvner zur Seite stehst. Schließlich war er es auch, der dich aus dem Sumpf geschleppt hat. Ihr stärkt euch, bereitet euch vor und zieht noch heute Abend los. Alvner ist ein ausgezeichneter Jäger und Spurenleser. Er kennt zudem den Sumpf wie kein anderer, und du, Hagal, bist ein erfahrener Krieger und geschult darin, in der Wildnis zu überleben. Ich bin mir sicher, ihr werdet euch gegenseitig wertvolle Unterstützung leisten können.«

»Dann soll es so sein. Ich werde euren Sohn begleiten«, willigte Hagal mit fester Stimme ein.

Er reichte Alvner seine rechte Hand. Die Männer schauten sich in die Augen, umfassten die Handgelenke ihres Gegenübers und besiegelten so den Pakt.

»Gut«, sprach Ahres. »Ihr wisst, was ihr zu tun habt. Lasst euch nicht zu lange Zeit.« Der Häuptling schaute zu seinem Sohn, und Alvner bedachte diesen mit einem leichten Nicken.


Alvner brachte Hagal zurück zu der Hütte, in der er aufgewacht war, und reichte ihm einen Becher Wasser.

»Ich bin froh, dich dabei zu haben und neugierig auf deine Geschichten. Du bist sicher viel herumgekommen«

Hagal trank gierig den Becher leer und rülpste.

»Aye, ich hab' schon Einiges gesehen. Wenngleich auch nicht einen Ort wie diesen hier. Ich wusste nicht, dass der Sumpf besiedelt ist. Dachte, hier gäbe es nur stinkende Tümpel und Fliegen.«

»Der Sumpf ist groß, Hagal. Aber die meisten Reisenden nutzen ihn, wie du, nur als Abkürzung und bereisen den nördlichen Rand. Nur selten verirrt sich jemand in sein Herz. Ein Wanderer ist gut beraten, ausschließlich auf den bekannten Wegen zu gehen, wenn er nicht von hier stammt.« Alvner wirkte zuversichtlich. Hagal hatte den Eindruck, er freute sich regelrecht auf die gemeinsame Mission.

Der Barbar runzelte die Stirn, doch bevor er zu einer Frage ansetzen konnte, wandte sich Alvner an ihn:

»Du hast sicher noch viele Fragen. Lass sie uns heute Abend am Feuer besprechen. Wir sollten uns fertigmachen und losziehen. Die Sonne steht schon tief am Himmel. Ich besorge uns Wasser und Proviant. Rüste dich und nimm mit, was du sonst noch so brauchst. Wir treffen uns am Tor«.

Der Häuptlingssohn zeigte auf den geschlossenen Durchgang unter ihnen, der den dichten Schutzwall aus Holzpfählen unterbrach.

Die Verabschiedung fiel knapp aus. Hagal prüfte sein Gepäck und rüstete sich für die kommende Reise.

Wenig später trafen sich die Männer am Tor. Hagal trug seine gehärtete Lederrüstung, deren fellbesetzte Ränder seinen ohnehin enormen Körper noch breiter wirken ließen. Sein Haupt schützte ein gehörnter Helm, und festgezurrt auf seinem Rücken befand sich eine mächtige Doppelaxt, deren langer Stiel über seine Schulter hinaus ragte. An seinem überbreiten Gürtel hingen einige Beutel und ein leichtes Handbeil.

Der flinke Alvner bevorzugte leichten Schutz. Abgesehen von Brustlammelar und Lendenschurz trug er nur ein ovales Schild aus geflochtenen Weiden. Seinen Speer zierten bunte Bänder und Federn. Hagal fing wortlos den kleinen Proviantsack, den der Häuptlingssohn ihm zuwarf, und zusammen schritten die Gefährten an den Wachen vorbei in das fahle Abendlicht des Sumpfes.


Der Barbar verstand sich auf das Spurenlesen, doch Alvner übertraf ihn bei Weitem. Den scharfen Augen des kundigen Jägers entging kein umgeknickter Zweig oder noch so feiner Abdruck im Boden. Mehrfach ging er in die Knie und legte seine Hand auf den Grund, als könne er spüren, ob dort einst jemand entlang gegangen war. Schnell vertraute Hagal den Fähigkeiten des Häuptlingssohns und konzentrierte sich darauf, die Umgebung im Blick zu behalten.

An vielen Stellen verliefen Wege aus grob gehauenen Holzbrettern und schmalen Brücken. Doch war stets die Aufmerksamkeit zu wahren, denn nur zu oft wurde der Boden weich, und es galt, schlammige Löcher von ungeahnter Tiefe zu umgehen. Fette gelbe Kröten, so groß wie Ferkel, beäugten die Wanderer mit hervorstehenden Augen. Häufig raschelte etwas im Gebüsch oder plätscherte im Wasser, doch, als Hagal sich umsah, erblickte er nur einen langen, schuppigen Schwanz, der in das Dickicht huschte, und obwohl das Rascheln sie verfolgte, konnte der Barbar den Urheber kein zweites Mal ausmachen. Stattdessen entdeckte er einen unförmigen Schatten, der geschwind unter Seerosenblättern verschwand und im tiefgrünen Gewässer nicht mehr auszumachen war. Ab und an hatte er das Gefühl, dass ihm etwas den Rücken oder das Bein hoch kroch, und allzu oft hatte er Recht. Eine Nesselschnecke fand ihr jähes Ende, nachdem Hagal sie im letzten Moment davon hatte abhalten können, ihren Stachel unter seine Haut zu stoßen.

So kämpften sie sich vorbei an Moorbirken, über rutschige Wurzeln und durch speerhohe Farne, bis die Nacht hereinbrach, und kamen allen Widrigkeiten zum Trotze gut voran.

»Hagal, sieh dort, die Ruine. Dort wollen wir die Nacht verbringen«, freute sich Alvner.

In der Nähe eines Tümpels ragten schemenhaft die Reste eines verfallen Turms empor. Die Ruine war vier Speerlängen hoch und bildete zusammen mit überwucherten Steinen eine trockene und geschützte Zuflucht. Schnell entfachte Alvner ein kleines Lagerfeuer, und die beiden Wanderer rösteten mitgebrachte Stockbrote über den Flammen. Der Sumpf zirpte, surrte, schmatzte. Eine Libelle, so groß wie ein kleines Wagenrad, schwirrte vorbei, und Mückenschwärme tanzten über den Wassergräben. Alvners Neugier regte sich.

»Erzähl mir von den Städten, Hagal. Ich bin mir sicher, du hast einige gesehen.«

Hagal nickte.

»Hm. Ja, das habe ich. Aber meist nur für wenige Tage. Ich ziehe es vor, hier draußen zu sein ... nun gut, vielleicht nicht unbedingt genau hier im Sumpf ... aber jenseits der Siedlungen. So viel ist sicher.«

»Aber warum? Ich würde gerne eine größere Stadt und ihre Wunder sehen«.

»Glaub mir, in deinem Dorf ist es besser für dich. Dort lebst du mit deiner und anderen Sippen auf Boden, den schon die Ahnen besiedelt haben. Ich traue den Städtern nicht. Erst roden sie uralte Wälder, bauen Häuser, und dann verlassen sie nur noch selten die Schutzwälle, und alles außerhalb davon wird ihnen fremd. Die Stadt wächst und wächst, und bald kennt einer nicht mehr den anderen und sie werden sich untereinander fremd. Dann braucht es nur eine kleine Unstimmigkeit, bis einer den anderen mit Steinen bewirft und Häuser und Schutzwälle brennen«, erwiderte Hagal, stocherte in den Holzscheiten und fuhr fort:

»Sieh dir nur den Turm hier an. Ich bin sicher, auch er wurde von Siedlern erbaut, die hier sesshaft werden wollten. Vermutlich war dies hier mal ein Fluss und kein Sumpf, und sie bauten ihren Turm so hoch, wie ihre Baumeister Türme zu bauen imstande waren und fühlten sich stark und erhaben. Tja, und jetzt scheißen die Frösche auf die Überreste. Die Natur hat sich das Land zurückgeholt.«

Alvner brauchte einen Moment, um das zu verdauen.

»Hagal, warum hast du deine Sippe überhaupt verlassen?«.

Ein Zweig knackte, und plötzlich sauste ein Wurfspeer durch die Luft. Im letzten Moment zog Alvner den Kopf aus der Flugbahn. Hagal packte die Axt, sprang auf, brüllte in die Dunkelheit und sah aus dem hohen Schilf drei Schatten hervorschnellen. Die Angreifer waren Menschen, aber etwas an ihnen wirkte sonderbar. Als die drei Schatten sich dem Feuer näherten, erkannten Alvner und Hagal ihre grotesken Gestalten. Einer von ihnen hatte lange schuppige Krallenhände, ein anderer war mit langen, dünnen Stacheln übersät, und eine Kämpferin ließ ihre armdicke Zunge mit enormer Länge hervorschnellen. Sie wickelte sich um Hagals Axtstiel und versuchte, ihm mit monströser Kraft die Waffe zu entreißen. Hagal stemmte seine Fersen in die Erde und zog die Zunge durch das Lagerfeuer. Die Kämpferin schrie und löste den Griff, doch der Barbar kam ihr zuvor, umgriff mit einer Hand fest die Zunge und schleuderte mit der anderen die Axt gegen ihren Brustkorb. Blutsprühend klaffte der Leib des Zungenweibs auseinander und entleerte sein Inneres klatschend auf den moosbedeckten Boden.

Unterdes wich Alvner geschickt den langen Krallen seines Widersachers aus. Hastig duckte sich der Häuptlingssohn unter den Angriffen seines Gegners und hielt ihn mit Speer und Schild auf Distanz. Das Monstrum war unnachgiebig und ließ ihm keine Atempause oder eine Chance auf einen gezielten Gegenangriff. Siegessicher verfiel das Wesen in einen Rausch. Dies war ein Fehler. In einem günstigen Moment der Unachtsamkeit stieß Alvner heftig seinen Schildrand gegen den Kopf des Angreifers. Dieser strauchelte benommen zurück.

Alvner stieß zu.

Sein Speer durchbohrte die Kehle des Krallenmannes. Das Blut schäumte aus der Wunde empor, während er röchelnd auf den Boden sackte.

Dünne Wurfspeere flogen durch die Luft, und nur knapp wehrte Hagal diese mit der breiten Seite seiner Doppelaxt ab. Die Speere stellten sich als die Stacheln des verbliebenen Angreifers heraus, die dieser nach und nach abwarf. Alvner und Hagal stürmten auf den abnormen Gegner zu; dieser wirbelte unentwegt herum, um Stacheln auf seine Kontrahenten zu schleudern. Alvner fing die Stacheln mit seinem Schild ab oder wich ihnen pfeilschnell aus. Hagal, weniger beweglich, schrammte ein Geschoss am Arm entlang, bevor er sich mit der vollen Wucht seiner Schulter gegen den Werfer warf und diesen zu Fall brachte. Alvner trieb seinen Speer so wuchtig in das Auge des Feindes, dass die Spitze am Hinterkopf wieder heraustrat und den Schädelknochen zum Knirschen brachte.

Schnaubend rollte sich Hagal von seinem Gegner herunter. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Verdammte ... Verdammte Scheiße, was war das?«, keuchte er, noch immer nach Luft ringend.

Alvner, leicht schnaubend, lehnte sich an seinen Speer.

»Diese ... ihre Kleidung ... sie sehen aus wie die Mar'Teh'Kar, ein verfeindeter Stamm. Aber diese ... Veränderungen ... So etwas habe ich noch nie gesehen ... Nein, so etwas hat von uns noch niemand gesehen. Das kann kein gutes Zeichen sein…«

Der sonst so stolze Häuptlingssohn war aschfahl und umfasste krampfhaft seinen Speer, während sein Geist sich zu ordnen versuchte.

Hagal strich nachdenklich über seinen Bart. »Wir sind nahe der Grenze zu ihrem Reich, ja?«

Alvner nickte stumm.

»Dann nehme ich an, dass dies ein Spähtrupp war. Fest steht, ihr Verschwinden wird nicht unbemerkt bleiben. Wir sollten die Leichen besser verstecken«.

Mit festen Weide banden Alvner und Hagal Steine der alten Ruine an die Toten und warfen diese damit in den nahe gelegenen Tümpel. Alvner blickte lange auf das Wasser, so, als wollte er sicher sein, dass die Geschöpfe gänzlich in den Tiefen des Sumpfes versanken.

»Wer sind diese Mar'Teh'Kar, und warum haben sie euch angegriffen? Ich will wissen, mit wem ich es hier zu tun habe«, forderte Hagal zu erfahren.

»Eigentlich … war es ein Raubzug. Seit einigen Monden sind die Mar'Teh'Kar darauf aus, Säcke voller Jaschnas zu erbeuten.«

»Jaschnas?«

Alvner wühlte in seiner Tasche und holte einen daumengroßen blauen Pilz hervor. Abgesehen von der Farbe wies der Pilz keine sichtbaren Besonderheiten auf und hätte der Form nach auch ein Sumpfmorchel sein können.

»Das hier ist ein Jaschna.«

Hagal hob die Augenbrauen.

»Ein Pilz? Ihr werden wegen verdammter Pilze überfallen? Sind die etwa so lecker?«

Alvner seufzte.

»Nein … es geht um ihre besonderen Kräfte. Die Pilze wachsen nur in unserem Teil des Sumpfes und sind meinem Stamm als Rauschmittel bekannt. Seit Generationen gibt es immer wieder Auseinandersetzungen mit den Mar'Teh'Kar. Für gewöhnlich geht es um saubere Wasserquellen und bebaubares Land, aber bisher hat jeder des anderen Heimstatt geachtet. Du musst wissen, vor sehr langer Zeit waren wir, die Tam'Teh'Kar und die Mar'Teh'Kar, ein Stamm. Doch Einige wurden abtrünnig und folgten den Versprechen falscher Schamanen. Das ist schon sehr lange her, und Vieles ist in Vergessenheit geraten. Jedenfalls, diese Pilze scheinen die Mar'Teh'Kar seit Kurzem mehr als alles andere zu begehren. Mein Vater vermutet, dass sie uns mit der Entführung meiner Schwester unter Druck setzen wollen, ihnen die Jaschnagründe zu überlassen«.

»Seltsam ... Nun gut, die Sonne geht schon auf, und hier ist es nicht sicher. Wir sollten in Bewegung bleiben«, mahnte Hagal.

Alvner nickte zustimmend.

»Recht so. Auch, wenn uns die Nacht noch in den Knochen sitzt, wir sollten keine Zeit verlieren«.


Die Abenteurer verwischten im Morgengrauen die Spuren ihrer Rast und setzten die Wanderung durch das Sumpfland fort. Die Landschaft wurde noch dichter und undurchdringlicher. Wo vorher vereinzelte Befestigungen zu finden gewesen waren, herrschten nun matschige, nur von Wurzeln zusammengehaltene Pfade und knietiefer Morast. Gierige Mücken quälten die Wanderer, und giftige Moorzitterlinge huschten durch den dichten Bodennebel. Nach geraumer Zeit wurde der Boden fester, und sie erreichten einen Damm, der über einen zugewucherten See hinaus ragte. Ein dichter, grünlicher Nebel hing über dem Gewässer.

»Vorsicht, Hagal, dieser Teil des Sumpfes ist uralt. Das Wasser bringt den Tod«. Er deutete auf den aufgedunsenen Kadaver einer Wolfsratte, der zwischen Blättern und Ästen im Wasser trieb, und auch an den Ufern des Sees waren bei genauem Hinsehen unkenntliche Überreste im Morast zu entdecken.

»Uh ... was schlägst du nun vor? Die Spuren führen uns genau hierhin«, bemerkte Hagal.

Alvner war zuversichtlich. »Folge mir, lass uns ein Stück am Rand entlang gehen. Die Mar'Teh'Kar sind bekannt für ihre auf Pfählen erbauten Seilbrücken. Ich bin mir sicher, wir werden einen Weg finden, aber komm dem See nicht zu nahe.«

Sie durchkämmten hohes Schilf und kundschafteten das Ufer des stinkenden Gewässers aus. Tatsächlich ragten an einer Stelle einige Pfähle aus dem Wasser. Eine schmale Seilbrücke war über sie gespannt. Dichter Nebel trübte die Sicht und vermischte sich mit grünlichem Dunst, der über dem See hing.

Hagal verzog seine Miene. »Hm, du bist sicher, dass es eine gute Idee ist, hier unseren Weg fortzusetzen? Ich traue diesen dünnen Brücken nicht.«

»Ich weiß nicht, ob dies der beste Weg ist, aber die Spuren deuten darauf hin, dass hier kürzlich eine größere Anzahl von Menschen unterwegs war. Ich möchte sie nicht verlieren. Der See ist riesig, und wenn wir versuchen, ihn zu umgehen, wird die Sonne immer tiefer wandern und wir unserem Ziel nicht näher kommen.«

»Nun gut, dann geh voran, ich bete zum Großen Bären, dass wir den Kadavern da unten keine Gesellschaft leisten werden«, brummte Hagal missmutig.

Zu zweit schritten sie über die wankende Brücke mit dem grünen Dunst des Sees unterhalb. Die rutschigen Seile waren von klammen Pflanzen umwuchert, und zur Mitte des Sees hin hing ein so dichter Nebel in der Luft, dass es den Anschein hatte, als führe die Brücke geradewegs in ein trübes Nichts. Eine schwere Stille lag über dem Wasser, die einzig durch leises Plätschern und das Knarren der Brücke unterbrochen wurde. Nur langsam schritten die Abenteurer voran, denn die Sicht reichte inzwischen nur noch eine Elle weit.

Plötzlich trat Alvners Fuß ins Leere. Er strauchelte. Ein Schrei entfuhr seiner Kehle. Mit rudernden Armen kippte er nach vorne. Im letzten Moment gruben sich seine Finger in eines der Seile, und er klammerte sich mit aller Kraft daran. Hagal sprang vor und packte Alvners Arm. Mit einem Ächzen zog er ihn wieder auf die Holzplanken. Erstaunt betrachtete er die herunterhängenden Fetzten einiger Seile. Ein Teil der Brücke war zerstört und sorgte so für eine gut eineinhalb Speere lange Lücke.

»Scheißdreck, wir müssen fast auf der anderen Seite sein!«, fluchte Hagal.

Alvner überlegte, kramte aus seinen Beutel einen hübschen bunten, aber wertlosen Stein und warf ihn in dorthin, wo er den Rest der Brücke vermutete. Dem Geräusch nach traf der Stein auf Holz. »Lass uns springen, das schaffen wir.«

Hagal hielt einen Moment inne.

»Na schön. Ich hab auch keine große Lust, umzukehren ... Auf geht's!«.

Alvner trat einige Schritte zurück und konzentrierte sich auf die andere Seite der Brücke. Er atmete durch und rannte los. Mit einem kräftigen Satz sprang er ab und erreichte die andere Seite leichten Fußes. Nun nahm Hagal Anlauf und rannte so schnell los, wie er nur konnte. Mit einem für seine Ausmaße mächtigen Sprung über den Abgrund kam der Hüne haarscharf mit einem Fuß auf der nächsten Planke auf. Das Holz knarrte und gab nach. Unversehens trat Hagal ins Leere, fiel mit dem Oberkörper nach vorne und glitt in den Abgrund. Im letzten Moment bekam er ein herunterhängendes Seil zu fassen. Unter ihm dampfte der tödliche See.

Alvner warf sich sofort auf den Bauch und rutschte an den Rand der morschen Brücke. Mit ausgestreckten Armen griff er nach den Handgelenken des Gefährten. Zähnefletschend und ächzend klammerte sich Hagal fest. Etwas begann unter ihm zu plätschern. Plötzlich schnellte ein grüner Fangarm aus dem Wasser empor und schnappte nach Hagals Bein. Der Barbar brüllte wütend und versuchte, die Tentakel mit dem freien Fuß wegzutreten, doch diese zerrten ihn unnachgiebig herunter. Alvner riss seine Augen weit auf, als er an Hagal vorbei sah und den dunklen, sich windenden Schatten im dunstigen Wasser entdeckte. Mit aller Kraft zog er an dem schweren Hünen, der ihm langsam entglitt. Hagal presste die Zähne zusammen und ließ eine Hand los, fasste angestrengt hinter seinen Rücken und löste die untere Schnalle, welche seiner doppelblättrigen Streitaxt Halt bot. Die schwere Waffe sauste an ihm herab, doch er bekam sie gerade noch rechtzeitig zu fassen. Wie ein tödliches Pendel schwang er die Axt mit festem Griff am langen Ende hin und her. Mit jedem Schwung nahm sie an Wucht zu und formte gierende Fangarme zu blutsprühenden Stümpfen, die sich ins modrige Nass des Sees zurückzogen. Mit einem letzten Hieb versenkte Hagal die Axt unter sich im Holzpfahl und konnte sich mit den befreiten Füßen auf der Waffe abstützen. Mit Alvners Hilfe gelangte er wieder auf die Brücke und konnte die Waffe an sich reißen.

Der Barbar sprang wütend auf und spuckte ins Wasser.

»Willst du noch mehr? Komm! Komm her! Verdammtes Drecksvieh!«, brüllte er schwitzend mit hochrotem Kopf und sah zu, wie der dunkle Schatten in der Tiefe versank.

Alvner zog in Erwägung, dem tobenden Barbaren beruhigend die Hand auf die Schulter zu legen. Er hielt jedoch lieber inne.

»Der kommt nicht mehr wieder, Hagal«, keuchte er.

Hagal schnaubte und kaute auf seiner Lippe – allmählich kam er wieder zur Besinnung.

Die Abenteurer atmeten tief durch und setzten ihren Weg fort. Nach kurzer Zeit gelangten sie auf die andere Seite des Sees. Nachdem sie hohes Schilf durchquert hatten, wurde der Boden fester, und die Ebene zeichnete sich durch Hügel, Moorbirken und kleinere Tümpel aus. Alvner hielt inne und deutete in die Ferne.

»Dort ist die Heimstatt der Mar'Takar.«

Hagal kniff die Augen zusammen und entdeckte schließlich die schwache Rauchsäule, die in der hügeligen Ferne aufstieg.

Alvner fuhr fort:

»Wir sind bereits tief in den alten Teil des Landes vorgedrungen. Der See hat seit jeher die Grenze zwischen dem Gebiet meines Stammes und jenes markiert. Weiter als bis hierhin hat sich noch niemand gewagt. Mögen die Götter uns beistehen!«

Sie fanden nach wenigen Schritten einen mit Rinde ausgelegten Pfad, auf dem sie gut vorankamen. Die Sonne stand bereits tief am Horizont, als sie den Ursprung der Rauchsäulen hinter einem höheren Hügel ausmachten. Sie bestiegen die Anhöhe und legten die letzten Meter verstohlen und geduckt zwischen hohen Gräsern und Büschen zurück.

Die beiden Abenteurer staunten mit offenen Mündern: Vor ihnen erstreckte sich eine Stadt von beachtlicher Größe. Das Herz der Siedlung bildete ein offen gestalteter Tempel, der in einen See mündete. Dieser begrenzte die nördliche Seite der Anlage. Die aus Holz, Lehm und Flechtwerk errichteten Gebäude umringten in einem Halbkreis die steinerne Kultstätte.

»Da hast du deine Stadt«, bemerkte Hagal trocken.

Alvner starrte entsetzt in die Weite. »Bei allen Geistern...«

»Tor und Wall sind sicherlich bewacht, aber wir sollten von der Seeseite aus in die Stadt eindringen können. Bis wir dort sind, wird es dunkel sein. Das sollten wir ausnutzen«, schlug Hagal vor.

Alvner und Hagal umrundeten im weiten Bogen und geschützt durch die Dämmerung den halbkreisförmigen Wall, der bis zum Ufer des Sees reichte. Sie gelangten in sicherer Entfernung zu einem unwegsamen Randstück des Sees. Eine kühle Vollmondnacht war hereingebrochen und hatte den See in einen schwarzen Spiegel verwandelt. Alvner und Hagal schmierten sich zur Tarnung dunklen Uferschlamm in die Gesichter und glitten langsam in das Wasser. Sie klammerten sich an einen dort treibenden Birkenast, dessen große Zweige und Blätter ihnen zusätzlichen Schutz vor aufmerksamen Blicken boten. Mit leichten Schwimmbewegungen näherten sie sich im Schutz ihrer Deckung unbemerkt der Stadt. Am Rand der Siedlung ragte ein hoher Steg in den See hinein. Der Birkenast samt seiner Mannschaft trieb unbemerkt unter die Planken und ermöglichte einen heimlichen Landgang. Doch zu ihrer Verwunderung konnten Hagal und Alvner keine Wachen entdecken. Stattdessen ertönten dumpfe Trommelschläfe. Der Rhythmus begleitete die Abenteurer auf ihren Schleichwegen den Stadtrand entlang, vorbei an den Sackgassen gespenstisch leerer Straßen.

Die zahlreichen Hütten sahen auffällig neu und regelrecht schluderig erbaut aus. So, als wären viele von ihnen in kurzer Zeit und großer Zahl entstanden. Auch fielen ihnen die vielen grotesken Schnitzereien und Skulpturen grober Machart auf, die Kröten, echsenartige Wesen und andere Kreaturen des Sumpfes darstellten. Dutzende der Wesen lugten von Dachgiebeln hernieder oder versteckten sich in den wirren Zierden der Türen und Fenster.

Hagal und Alvner schlichen an einem Haus vorbei, dessen Eingang offen stand. Die schwere Holztür knarrte im Nachtwind und war abgesehen von den nicht enden wollenden Trommelklängen und dem Quaken der ufernahen Frösche das einzige Geräusch. Neugierig wagte Alvner einen Blick hinein, nachdem es Hagal misslungen war, ihn zurückzuhalten. Die Hütte war menschenleer. Der Häuptlingssohn konnte lediglich einige Stühle und einen Tisch aus hellem Holz im Mondschein erkennen. Auf den Möbeln lagen Reste der blauen Jaschnapilze. Verwundert und ohne ein Wort zu verlieren, folgten sie weiter den Trommeln in Richtung des Tempels. Eine Lehmmauer umgab das sonderbare Gebäude, und der Schein eines großen Feuers erhellte den innen liegenden Hof. Über einen kleinen Vorsprung gelang es Hagal, auf die Mauer zu klettern und Alvner hochzuziehen. Sie versteckten sich tief gebeugt im hohen Gras und beobachteten, was im Inneren der Tempelanlage vor sich ging.

Die Bewohner der Stadt versammelten sich hier, und ihr Schauspiel warf grauenhafte Schatten. Der Großteil von ihnen wies abnorme Veränderungen auf, ähnlich denen des Spähtrupps, der Hagal und Alvner zuvor bei der Ruine aufgelauert hatte. Teile ihrer Körper und Hautstellen sahen aus, als stammten sie von monströsen Fröschen, Echsen und anderen Reptilien. Einige der Scheusale tanzten und trommelten nackt in einem Reigen um das Feuer, andere frönten wilden Ausschweifungen mit ihresgleichen und wanden sich stöhnend und lustvoll in schlammigen Kuhlen. Jedoch war ein kleiner Teil von ihnen von unveränderter, rein menschlicher Natur. Diese trugen weiße Roben und wiegten sich im Kreis um einen in Stein gehauenen Krötengötzen hin und her. All den Bürgern waren ein glasiger, leerer Blick gemein und träge Bewegungen, die von tiefer Trance zeugten.

»Bei allen Göttern, sieh nur, die Pilze...«, flüsterte Alvner.

Zwischen zahlreichen Speiseresten, zerbrochenen Krügen und umgestürzten Tischen lagen vielerorts abgebissene Stängel und andere Reste der Jaschnapilze verstreut.

Bevor Hagal seine Schlüsse ziehen konnte, zog etwas anderes seine ganze Aufmerksamkeit auf sich:

Neben dem großen Feuer konnte er noch eine weitere Lichtquelle ausmachen. Aus dem See ragte ein langer, wenn auch schlecht erkennbarer Halbbogen. Das Ende befand sich in der Luft, hoch über dem Treiben, und sah aus wie ein grün leuchtendes, eiförmiges Etwas, das nun immer heller pulsierte. Die Weißroben erhoben sich und stimmten einen dunklen Singsang an. Mit gereckten Fackeln schritten sie in Reihe zum Ufer und entzündeten zwei große Feuerschalen.

Der helle Schein brachte Verborgenes ans Licht. Alvner stockte der Atem. An einen langen Holzpfahl war eine entblößte Frau gefesselt. Ein Sack verhüllte ihren Kopf, der, regungslos nach vorne geneigt, auf den wohlgeformten Brüsten ruhte. Merkwürdige Bemalungen verunstalteten ihren Leib, und doch erkannte Alvner mit Schrecken die Tätowierungen seines Stammes. Es war Ranja – seine Schwester! Sie atmete. Er musste sie retten! Hagal riss ihn im letzten Moment zurück und drückte ihn auf den Boden.

»Warte, verdammt noch eins! Sei nicht so töricht! Was denkst du wohl, was passiert, wenn du da rein rennst?«, zischte der Barbar.

Alvners Miene verzog sich wütend.

»Hände weg! Sie werden sie töten, wenn wir nicht...«

Der Streit wurde abrupt durch ein lautes Brodeln und Wasserschwappen unterbrochen, das vom See her erklang. Der lange Bogen mit dem leuchtenden Ei wankte hin und her, und Wellen schwappten tosend gegen das Ufer. Der Wind frischte auf, und im Schein der Feuerschalen zeigte sich, dass Adern das angelförmige Gebilde durchzogen und unter einer pockennarbigen grünen Haut anschwollen. Der Angelfortsatz entsprang einer gigantischen, wulstigen Stirn, die sich langsam aus dem See erhob. Es folgten nicht minder große, hervortretende Reptilienaugen und ein schrecklich breites, krötenartiges Maul mit wulstigen Lippen und kleinen spitzen Zähnen. Fett und aufgedunsen schien das Monstrum nur mit Mühe seinen riesigen Kopf aus dem See strecken zu können. Modrige Algen bedeckten sein Haupt, das nass im Mondlicht glitzerte. Das Untier, das die Weißroben um gut zehn Speerlängen überragte, schnaubte und schnüffelte. Sein geiferndes Maul öffnete sich.

»Los jetzt!«, drängte Alvner.

»Gib mir deinen Speer«, befahl Hagal.

»Was?«

Hagal riss Alvner die Waffe aus der Hand und rannte los. Er holte weit aus und schleuderte mit einer mächtigen Vorwärtsbewegung seines starken Armes den Speer nach vorne. Die Waffe flog im weiten Bogen durch die Luft, über die Köpfe der Menschen hinweg, und durchstach das Ende der monströsen Angel. Das Untier verdrehte die Augen und brüllte. Die Bewohner griffen sich mit schmerzverzerrten Gesichtern an die Köpfe und kniffen die Augen zusammen. Die Verwandelten gingen zu Boden und wälzten sich schreiend hin und her, die anderen gingen auf die Knie und versuchten, sich zu halten. Manchen lief Blut aus der Nase, oder Magensäfte bahnten sich ihren Weg aus den Mundwinkeln.

Dort, wo der Speer ein Loch in die leuchtende Kugel gerissen hatte, tropfte eine schleimige, hell strahlende Masse herunter. Der Herr des Sees grollte, und hohe Wellen schwappten an das Ufer, als das Monster sich rückwärts in den See zurückzog. Hagal nutzte das Chaos und warf Alvner seine Gürtelaxt zu. Sie wussten, was zu tun war und rannten gemeinsam durch die Menge in Richtung der gefesselten Häuptlingstochter. Der Großteil der Stadtbewohner kämpfte weiterhin mit lähmenden Kopfschmerzen. Hagal und Alvner sprangen und stiegen über die sich Krümmenden und erreichten schnell das Ufer. Alvner kletterte in rasender Eile den Opferpfahl empor und schnitt seine Schwester Ranja los. Hagal nahm die Bewusstlose entgegen und hob sie auf seine Schultern.

Sie rannten, so schnell sie nur konnten, los, mitten durch die die Tempelanlage, die leeren Straßen der Stadt entlang und weit hinaus in die hügelige Ebene. Ihre Lungen brannten, als sie inmitten einer Gruppe von Moorbirken ein sicheres Versteck fanden. Hagal setzte Ranja ab und lehnte sie mit den Rücken gegen einen der Bäume. Sie stöhnte leise unter ihrer Verhüllung und schien wieder zu Bewusstsein zu kommen. Alver und Hagal fielen mit den Rücken in das feuchte Gras. Ihre Herzen rasten.

Berauscht von den kürzlichen Ereignissen lachte und gluckste Alvner.

»Wir ... Wir haben sie! Bei den Göttern, wir haben sie!«

»Hast du gesehen, ob uns jemand verfolgt hat?«, keuchte Hagal erschöpft.

»Nein, alles gut … ich denke wir sind für den kurzen Moment sicher. Ich weiß nicht, was genau passiert ist, aber du hast die richtige Vorahnung gehabt ... ich glaube, die sind erstmal mit sich selbst beschäftigt. Ruh dich noch einen Moment aus, ich sehe nach meiner Schwester«.

Hagal atmete tief durch und rieb sich den Nacken. Plötzlich schrie Alvner verzweifelt auf. Sofort sprang der Barbar auf, bereit, drohende Angreifer niederzustrecken. Doch er senkte seine Waffe. Vor ihm kniete Alvner schluchzend neben seiner Schwester, den Sack, der vorher ihr Gesicht verhüllt hatte, in den Händen. Ranja schaute ihn mit irrem Blick an, doch war eine Hälfte ihres Antlitzes fürchterlich entstellt. Ein gelbes Echsenauge trat hervor, umgeben von grüner, pockiger Haut, die sich über Wange und Stirn erstreckte. Nur die andere Hälfte ließ ihre ehemalige Schönheit erahnen.

Die Häuptlingstochter sprach leise: »Ich ... Ich kann ihn noch hören. Er ruft nach mir. Er singt, er will mich. Ich bin ihm versprochen ... Dieser Gesang ... Lasst mich, lasst mich, lasst mich!« Ranjas Blick glitt ins Leere, während sie in ständigen Wiederholungen vor sich hin flüsterte und selbst auf Hagals Rütteln nicht reagierte.

Alvner atmete schwer. Er kniff die Augen verzweifelt zusammen und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Schließlich zog der Häuptlingssohn hinter seinem Rücken ein langes Messer hervor.

»Halt!«, schrie Hagal, doch zu seiner Verwunderung durchtrennte Alvner lediglich die verbliebenen Handfesseln seiner Schwester und half ihr auf. Hagal beschloss, sich nicht weiter in die Angelegenheit einzumischen und lehnte sich nachdenklich an einen Baum. Alvner war für einen Augenblick ganz in sich gekehrt, während Ranja weiter vor sich hin stammelte. Dann wurde sein Blick wieder wacher.

»Geh, Ranja, geh«, sprach er leise.

Doch Ranja schien ihn nicht wahrzunehmen. Sie wandte sich mit offenem Mund und starrem Blick von ihm ab. Tränen liefen erneut über Alvners Wangen, während er seiner Schwester hinterher blickte, die dem Sonnenaufgang entgegen in Richtung des unheilvollen Sees wankte.

Hagal schaute ihn fragend an. »Aber ... vielleicht hätte eine Heilerin ...«

»Nein!«, fuhr ihm Alvner verzweifelt ins Wort. »Ich habe es in ihren Augen gesehen, diese Sehnsucht, diese unglaubliche Sehnsucht. Hagal, als wir bei der Ruine rasteten – erinnerst du dich?« Hagal nickte stumm und ließ ihn fortfahren »Du sagtest, die Natur holt sich das zurück, was ihr gehört. Vielleicht hat der Sumpf sich die Menschen dieser Stadt zurückgeholt. Ich verstehe es nicht, und mein Herz blutet, aber ich hoffe, Ranja wird glücklich bei ihresgleichen ... egal, wo sie nun hingeht, wir haben sie längst verloren.«

Die beiden Männer schwiegen sich einige Augenblicke an.

Leise sprach Hagal: »Dein Vater, was erzählst du ihm?«

»Die Wahrheit. Es wird nicht leicht für ihn, aber ich kenne meinen Vater, er wird es verstehen. Außerdem muss ich die Männer und Frauen meines Stammes davor bewahren, dass so etwas noch einmal geschieht. Niemand soll diesen Teil des Sumpfes jemals wieder betreten. Auch werde ich unsere Verteidigung ausbauen.«


Die beiden Abenteurer traten ihren Rückweg an. Vorbei an Sträuchern, an Tümpeln und hinweg über uralte Pfade durch den Sumpf. Dabei sprachen sie nur das Nötigste und rasteten wenig. Die Abenteuerlust und das Selbstvertrauen des Aufbruchs waren einer trübseligen Schwere gewichen. An einer Weggabelung nahe der Waldgrenze des Sumpfgebietes blieben sie stehen. Alvner legte Hagal seine Hand auf die Schulter.

»Hier trennt sich unser Weg, mein Freund. Ich danke dir für deine Hilfe. Reise sicher, wo auch immer es dich hinführen wird. Bei meinem Stamm sollst du stets willkommen sein.«

Hagal umfasste den Arm des Häuptlingssohnes.

»Ich wünsche dir und deinem Stamm alles Gute, Alvner, Sohn des Ares. Auf bald.«


Die Männer gingen ihrer Wege, und der Barbar ließ den Sumpf allmählich hinter sich. Mückenschwärme surrten, Tümpel plätscherten, ein tieftöniges Quaken war zu hören, und der schwarze Morast schmatzte unter seinen Füßen. Es schien, als würde der Sumpf ein Lied singen.


Ende.